Eins vor Gott

08/2014

Vor ein paar Tagen habe ich mich ganz unerwartet an einer Facebook-Diskussion über die israelisch-palästinensische Tragödie in Gaza beteiligt. Das hat mich jetzt dazu veranlasst, etwas über meine persönliche Sichtweise zu schreiben. Wenn du etwa 13,8 Milliarden Jahre zurückgehst, kommst du bei dem winzigkleinen Etwas an, das aus dem Nichts entstand – einer Explosion aus Licht, mit der alles begann und die nichts Geringeres als das gesamte Universum war. Die Explosion selbst dauerte angeblich fast eine Million Jahre. Kein Wunder, dass man sie den Urknall nennt! Es gibt unendlich viele Belege dafür. Hier ist zum Beispiel ein sehr schneller und einfacher Einstieg (auf Englisch): http://www.universetoday.com/109210/how-old-is-the-universe-2/

Also begannen wir alle als EINS. Mit wir meine ich alles, was ist, was jemals war und was jemals sein wird. Dies intellektuell zu verstehen ist die eine Sache. Es zu erleben ist der wahre Augenöffner! Ob es in tiefer Meditation geschieht, auf Drogen, wenn man sein Leben riskiert, im Moment des Todes, während des Sonnenaufgangs, beim Musikhören, beim Liebe machen oder beim Erkennen des eigenen wahren Selbst, ohne dass es einen offensichtlichen Grund dafür gäbe – die Erfahrung, eins mit allem zu sein, ist eine persönliche Befreiung und verändert das Leben. Es macht dir außerdem bewusst, dass du deine eigene, einzigartige Rolle in der fortlaufenden und fantastisch kreativen Evolution des Universums spielst. Es scheint, als wären Sprache, Musik, Bewusstsein und die Fähigkeit zu denken, zu imaginieren, zu erfinden, Schönheit wahrzunehmen und sich seiner selbst gewahr zu sein ganz neue Entwicklungen, zumindest auf unseren riesigen galaktischen Bruchstücken des Universums, wo diese Dinge erst auftauchten, nachdem wir Menschen auf den Plan getreten waren. Wie kreativ ist das!

Es ist unvermeidlich, dass mit unseren menschlichen Fähigkeiten neben all den Freuden und Wonnen unserer wahrnehmenden, fühlenden, denkenden und kreativen Magie auch Angst einhergeht. Wir fürchten den Tod und das Mysterium, mit dem er uns konfrontiert, wenn wir sehen, wie gleichgültig er uns auslöscht. Wie eine Umkehrung des Urknalls wird das Leben aus der Zeit herausgenommen. Hinein ins Nichts? Das ist die Frage – und nicht nur die von Hamlet.

Auftritt Gott! Rückwirkend gesehen, ist er/sie berechenbar. Ich weiß nicht, ob es eine einzige menschliche Gemeinschaft gibt, die ihn oder sie nicht entdeckt oder erfunden hätte. Natürlich variieren die Geschichten, die Gottes Existenz erklären, beweisen oder veranschaulichen, von Kultur zu Kultur und von Nation zu Nation. Ihnen allen gemeinsam ist die felsenfeste Gewissheit, dass der eigene Gott eine Entdeckung und der Gott der anderen eine Erfindung sei. Es ist ein rätselhafter Beweis für die Macht des Glaubens, dass nur so wenige religiöse Gläubige zu der schlichten Erkenntnis gelangt sind, dass sie, wären sie in einem anderen Land oder einer anderen Kultur geboren, einen anderen Gott verehren und eine andere Religion praktizieren würden.

Mit entsetzlicher Regelmäßigkeit haben Gläubige während der gesamten Menschheitsgeschichte im Namen ihres Glaubens verfolgt, beherrscht, gefoltert, versklavt und geschlachtet. Solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit gibt es auch im Namen von Völkern, Rassen und Nationalitäten, von politischer Verfolgung, von Gesellschaftsschichten, von WIR GEGEN DIE ANDEREN. Aber der schlimmste Täter muss die Religion mit ihrer langen Erfolgsgeschichte der Heiligen Kriege, Kreuzzüge, Dschihads, Inquisitionen und vielem anderen sein. Das ist ungemein ironisch. Alle Geschichten von Gott enthalten Märchenhaftes, das in den Kindergarten gehört – abgesehen davon, dass es manchmal Horrorgeschichten sind, die kein Kind hören sollte. Aber obwohl Religionen fähig sind, gegeneinander Zeugnis abzulegen, huldigen sie in der Tat demselben Mysterium – DEM EINSSEIN, das uns alle hervorgebracht hat. Indem sie es in ihre eigene Gottesgeschichte hineinspinnen, machen sie aus denjenigen Außenseiter, die nicht daran glauben oder die sich eine andere Gottesgeschichte gewoben haben. DAS EINE hat sich erfolgreich in verschiedene EINHEITEN geteilt. In Wirklichkeit ist das natürlich absurd, weil alles, was ist – einschließlich der Teilung, die durch die Götter und die Leidenschaft ihrer Schöpfer, sich gegenseitig zu bekriegen, entstand –, zu einem sich ständig entfaltendem Ganzen gehört. Wenn du das Ganze erfährst, gibt es keine Anderen. Und es gab sie nie. Wir alle begannen in derselben Singularität. Brüder und Schwestern kann unsere Einheit nicht beschreiben. Selbst das Wort Zwillinge trennt unser aller untrennbares Einssein.

Wäre es nicht so tragisch, wären Gaza und alle anderen religiösen Querelen, die überall in unserer hoch informierten Welt stattfinden, einfach nur lächerlich. Es ist fraglich, ob die Menschheit ihren derzeitigen Wahnsinn überleben wird – die globale Klimakatastrophe wird von Tag zu Tag bedrohlicher, und auch sie verdankt etwas von ihrer blinden Destruktivität religiösen Überzeugungen, die weder Wahrheit noch Wirklichkeit brauchen. Aber falls wir tatsächlich irgendwie durchkommen, wird es deswegen geschehen, weil genügend Leute aufwachen, weil sie mit ihren Ängsten Freundschaft schließen – denn so beginnen wir zu lieben – und auf diese Weise das gesamte Mysterium erleben, das Zeit und Ewigkeit in unser Wesen integriert, uns mit dem Tod versöhnt und uns befreit, damit wir das Leben voll und ganz feiern können. Ja, wir müssen immer noch die Fanatiker entmachten, die Extremisten, Psychopathen, Soziopathen, Diktatoren und Geld- und Machtgeilen, durch die das Chaos aufrechterhalten wird – aber wenn es unserem essenziellen Einssein dient, werden wir es mit mehr Intelligenz und Mitgefühl tun als heute.